Antike verbindet – Griechisch, Hebräisch, LateinGerhard Kneißler

Die Alten Sprachen – Fremdsprachen als unverzichtbarer Bestandteil europäischer Bildung in einer globalisierten Welt

1. Der altsprachliche Unterricht in Nordrhein-Westfalen in Zahlen

Ein erster Blick auf die Lage des altsprachlichen Unterrichts in Nordrhein-Westfalen ergibt unter quantitativen Aspekten folgendes Bild [Stand: G 9]:

  • Etwa die Hälfte der Schülerinnen und Schüler an Gymnasien bzw. Gesamtschulen zusammengenommen wählen Latein als zweite Fremdsprache ab Klasse 7; daneben wählt eine jeweils noch respektable Gruppe Latein als dritte Fremdsprache im WPII-Bereich und Latein als neueinsetzende Fremdsprache ab Jahrgangsstufe 11. Die Zahl der Gymnasien, die Latein als erste Fremdsprache allein oder neben Englisch anbieten, ist zwar zurückgegangen. Aber immerhin noch rund 60-70 Gymnasien bieten diesen Bildungsgang allein oder neben Englisch als erster Fremdsprache ab Klasse 5 an.
  • In der gymnasialen Oberstufe ist die Zahl der Kurse, in denen Latein nach dem Erwerb des Latinums weiter unterrichtet wird, insgesamt stabil. Eine Ausweitung ist aber nicht zuletzt deswegen wünschenswert, weil sich die Inhalte in der kontinuierlichen Lektüre an originalen Texten in besonderer Intensität den reiferen Schülerinnen und Schülern erschließen. Die Neuregelung zum Erwerb des Latinums bei Beginn Latein ab Kl. 7 kann den Schülerinnen und Schülern mehr als bisher erfahrbar machen, dass Latein auch über die Jahrgangsstufe 11 hinaus ein interessantes Fach ist.
  • Griechisch wird an rund 60 Gymnasien im Lande in Kursen ab Klassenstufe 9 bzw. ab Jahrgangsstufe 11 unterrichtet. Kurse, die eingerichtet werden, bleiben in der Regel bis zum Erwerb des Graecums bzw, bis zur Abiturprüfung stabil.
  • Das Fach Hebräisch wird in der gymnasialen Oberstufe als Grundkurs an etwa 25 Gymnasien angeboten; die Schülerinnen und Schüler erhalten die Möglichkeit, das Hebraicum zu erwerben.

Damit ist zugleich gesagt, dass für alle Schülerinnen und Schüler, die diese Angebote nutzen, die Möglichkeit besteht, durch den Erwerb des Latinums, des Graecums und auch des Hebraicums wichtige Studienvoraussetzungen zu erfüllen.

Diese Befunde und die Bemühungen, die hinter ihrem Zustandekommen stehen, belegen, dass der altsprachliche Unterricht in beachtlichem Umfang nachgefragt wird. Das wird auch darin deutlich, dass sich inzwischen in einer ganzen Reihe von Städten unseres Landes Bürgerinnen und Bürger mit dem Ziel zusammengeschlossen haben, den altsprachlichen Unterricht zu fördern. Andererseits muss immer wieder neu darum gerungen werden, dieses Unterrichtsangebot zu sichern und ihm besonders in der gymnasialen Oberstufe einen Platz zu erhalten. Welche Argumente rechtfertigen diese Bemühungen?

2. Die Alten Sprachen im Fächerangebot der Schulen

Ohne Zweifel reicht der Hinweis auf den traditionellen Platz im Fächerkanon des Humanistischen Gymnasiums nicht aus, vielmehr muss der Nutzen der Beschäftigung mit diesen Fächern in sprachlicher, inhaltlicher und methodischer Hinsicht für alle geisteswissenschaftlichen Studienfächer und die Möglichkeit, auch in diesen Fächern die Forderungen eines zeitgemäßen Unterrichts einzulösen, nachgewiesen werden, und es muss die Frage nach dem Beitrag beantwortet werden, den diese Fächer zum Ziel der Schule leisten können, Hilfen zur persönlichen Entfaltung in sozialer Verantwortung zu geben. Dies alles kann in diesem Aufsatz verständlicherweise nicht geleistet werden. Es sei auf die Ausführungen in den neuen Lehrplänen für die Sekundarstufe I und II verwiesen. Aber einige Hinweise können doch gegeben werden.

Zunächst die These: Es gibt eine Reihe von Wissensgebieten, die zum Grundbestand des Wissens und der Bildung gehören und von allen Schülerinnen und Schülern angeeignet werden müssen. Das gilt für die Muttersprache, für Mathematik und Naturwissenschaften, für den Bereich der Gesellschaftswissenschaften im weiteren Sinne, den musischen Bereich und Sport und selbstverständlich für die Fremdsprachen. Aber auch innerhalb dieser Bereiche kann nicht jede Schülerin und jeder Schüler alles lernen. Was aber zum Grundbestand unserer Kultur hinführt, das sollte als Angebot an die jungen Menschen im Fächerkanon formuliert und ais Erbe weitergegeben werden. Das Erlernen der Alten Sprachen und die Auseinandersetzung mit den Texten der griechischen, römischen und jüdischen Welt führen in spezifischer Weise an die Wurzeln heran. Deswegen verdienen diese Fächer einen Platz im Fächerangebot der Schulen.

Das Bewusstsein dieses Auftrags ist nicht zuletzt außerhalb Deutschlands in vielen Ländern Europas von Schottland bis Sizilien und von Osteuropa bis Frankreich sehr lebendig und führt zu sehr intensiver Beschäftigung mit der Antike. Wir sollten nicht abseits stehen!

3. Die Antike – gemeinsame Wurzel der europäischen Kultur

Die Vermittlung von Fremdsprachenkenntnissen ist ein zentraler Auftrag der Schule – das ist Konsens! Die europäische Einigung und die Globalisierung der wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen lassen es dringend erforderlich erscheinen, dass die jungen Menschen möglichst mehrere Fremdsprachen soweit beherrschen, dass sie sich verständigen und ihre sprachliche Kompetenz selbstständig erweitern und vertiefen können. Dieser Gedanke kann im ersten Jahr der Einführung des EURO, die uns das Ausmaß der Veränderungen in der politischen Landkarte Europas exemplarisch verdeutlicht, nicht umstritten sein. In diesem Prozess des Zusammenwachsens gewinnen freilich die Individualisierungs- und Partikularisierungstendenzen in den Regionen Europas neue und teilweise bedrohliche Kraft.

Hauptwurzeln der europäischen Kultur liegen bei den Griechen der Antike. Ihre Erkenntnisse und wissenschaftlichen Errungenschaften, fassbar u. a. in den literarischen Werken, aber auch in der Kunst und in den Naturwissenschaften, wurden von den Römern größtenteils übernommen, modifiziert und ergänzt. Sie haben sich in Verbindung mit dem christlichen Ideengut und damit nicht zuletzt auch mit dem Judentum zu den ideellen Grundlagen Europas entwickelt: Das geistige Bild Europas heute wird durch viele unterschiedliche Einflüsse bestimmt. Wir Europäer lernen zudem, dass sich die ökonomischen und politischen Schwerpunkte in der Welt verschieben. Umso dringlicher ist die Vergewisserung über die eigene Herkunft auch in der Ausbildung der Jugend. Damit wird nicht ein Monopolanspruch der sogenannten Alten Sprachen formuliert. Wohl aber soll gesagt werden, dass diese Fächer im Rahmen des Fremdsprachenunterrichts ihren spezifischen Beitrag leisten können.

4. Die Alten Sprachen – Fenster in die Moderne

Mit dem Angebot der drei Alten Sprachen im Fächerspektrum Nordrhein-Westfalens können die Schulen den jungen Menschen die Möglichkeit bieten, über das Erlernen jeder dieser Sprachen jeweils exemplarisch einen spezifischen Zugang zu den Quellen der gemeinsamen europäischen Kultur zu finden, die im übrigen weit über Europa hinausgreift. Er kann aber auch zur Erkenntnis der Probleme führen, die die „europäischen Kulturen durch ihre Teilhabe an der antiken Tradition mitgeerbt haben." [Lehrplan Griechisch Sekundarstufe I, S. 36] Damit hat der altsprachliche Unterricht nicht zuletzt eine exemplarisch kritisch-reflektierende Dimension. Der Blick in die antiken Texte ist also nicht der Blick in eine versunkene Welt. Vielmehr eröffnet er gerade wegen der Distanz den Menschen der Gegenwart die Teilhabe am kulturellen Leben Europas. Und das heißt auch: Er ermöglicht über die Bewusstmachung des gemeinsamen Erbes, wie es sich in den europäischen Literaturen und in der Kunst und im Denken fassen lässt, gegenseitiges Wiedererkennen und Verstehen. Das gilt nicht zuletzt und in einer ganz elementaren Weise für die Bezüge der europäischen Sprachen untereinander und mit ihren gemeinsamen Wurzeln.

In den Lehrplänen von 1993 (S l) und 1999 (S II) ist deswegen als verpflichtendes Ziel des altsprachlichen Unterrichts der Begriff der historischen Kommunikation aufgenommen und herausgestellt worden. Neben der unverzichtbaren Grundlage im sprachlichen Bereich setzt dieses Ziel die Erarbeitung der Gegenstände und Themen voraus, die den altsprachlichen Unterricht traditionell bestimmen. Aber in ihren didaktischen Neubestimmungen haben alle drei Fächer bedeutsame Veränderungen erfahren:

  • Das Erlernen der sprachlichen Grundlagen ist in allen drei Sprachen unverzichtbar. Es wird aber auf die Fähigkeit konzentriert, antike Texte im Original zu lesen und zu übersetzen, also Lektürefähigkeit zu schaffen. Damit wird gleichzeitig dem traditionellen Ziel einer sorgsamen Schulung im Umgang mit Sprache, d. h. in allen Funktionen, die mit Sprachbetrachtung und Übersetzung und Interpretation verbunden sind, Rechnung getragen. Insoweit hat insbesondere der Lateinunterricht die Funktion einer methodischen grundlegenden Schulung für den eigenständigen Erwerb anderer Sprachen bewahrt und durch die Forderung nach vergleichender Sprachbetrachtung gestützt.
  • Die Didaktik der Alten Sprachen hat sich – in unterschiedlicher Art und Weise – weiterentwickelt. In den neuen Lehrplänen sind in dem Spannungsverhältnis zwischen der Fortführung des traditionellen Lektürekanons und einer Öffnung zu neuen Inhalten jeweils bedeutsame Veränderungen vorgenommen worden:
  • Wer Altgriechisch lernt, erhält auch eine Hinführung zum Neugriechischen als einer der „kleinen" europäischen Sprachen und lernt so einen unserer Partner in der europäischen Gemeinschaft in seiner Sprache und damit auch in seiner Literatur besser kennen – ein Beitrag zum Heimisch-Werden in Europa.
  • Wer Hebräisch lernt, wird nach wie vor auf die Lektüre der alttestamentlichen Texte vorbereitet. Aber er wird in der Betrachtung der Sprachentwicklung auch bis hin zum Iwrit geführt, kann Einblick in moderne hebräische Texte nehmen und auf diese Weise Israel besonders nahe kommen, einem Land, mit dem uns Deutsche so viel verbindet. Die Beschäftigung mit dem Judentum ist ein wichtiger Bestandteil dieses Faches. Es führt in einer besonderen Weise auch zur Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte Deutschlands, aber auch mit der Geschichte des Mittelmeerraumes.
  • Wer Lateinisch lernt, soll die Grundlagen bewusst erfahren, die das Lateinische als Mutter der europäischen Sprachen kennzeichnen. Er erwirbt elementare Kenntnisse für das Vertrautwerden mit anderen europäischen Sprachen, die ihm sogar für den Englischunterricht nützlich sein können. Konsequenterweise ist die Einbeziehung von Tradition und Rezeption der römischen Antike in den Unterricht und die Begegnung mit spätklassischer Literatur bis zu lateinischer Literatur der Neuzeit verpflichtender Bestandteil des Unterrichts. Dass man entsprechendes Wissen auch aus Sekundärquellen schöpfen kann, ist nicht zu bestreiten. Aber gerade der anstrengende Weg über die Sprache und den Text erschließt den Gehalt vertiefter und nachhaltiger. Im Spektrum der Fächer stellt gerade das Spezifikum des langsameren Vorgehens einen eigenen Wert dar.
  • Zum Erlernen der Sprache und zur Lektüre der Texte gehört unverzichtbar die Verzahnung mit den Realien, mit dem politischen, sozialen und kulturellen Kontext in Betrachtung der Tradition und Rezeption.

Mit diesen Neufassungen hat der altsprachliche Unterricht seit Inkrafttreten der neuen Lehrpläne für die Sekundarstufe l insgesamt ein neues Gesicht erhalten. Die Spannung zwischen der Bewahrung eines traditionellen Lektürekanons und der Öffnung zur Rezeption der Antike bis in die Neuzeit macht die Aktualität der Sprachen und der Themen deutlich.

[…]

5. Die Zukunft des altsprachlichen Unterrichts in Nordrhein-Westfalen

[…]  Wir appellieren an die Verantwortlichen in den Schulen, entsprechend den bestehenden Möglichkeiten vor Ort in der Beratung der Schülerinnen und Schüler auf die Angebote im altsprachlichen Unterricht aufmerksam zu machen, Lehrerinnen und Lehrer, die diese Beratung durchführen, zu unterstützen und in der eigenen Schule bzw. in Kooperation mit benachbarten Schulen entsprechend den Vorschriften des Kooperationserlasses bzw. der APO-GOSt Lerngruppen bzw. Kurse einzurichten.

Und schließlich: Wenn richtig ist, dass Bildung für Europa Bildung für die Zukunft ist, dann ist auch richtig, dass die Alten Sprachen diesen Auftrag der Schule annehmen müssen. Das Schulprogramm ist der Ort, wo die Intentionen dieser Fächern erläutert und insbesondere auch vereinbart werden kann, wie die Alten Sprachen ihren Beitrag zu einem fachübergreifenden und fächerverbindenden Unterricht leisten können.

 

 
Gerhard Kneißler, LRSD i. R., war Fachdezernent für die Alten Sprachen bei den Bezirksregierungen Amsberg, Detmold und Münster.

Aus: Landesinstitut für Schule und Weiterbildung (Hrsg.): Antike verbindet. Griechisch – Hebräisch – Latein. Soest 2002. S. 7 - 11.